Jo Alberts fotografische Bilder sind eine absolute Überraschung.
1965 in Frankfurt am Main geboren, absolvierte er 1996 bei Dorothea Wickel ein Studium der Malerei und Fotografie und parallel dazu Psychologie an der Universität Marburg, wo er auch mehrere Performanceprojekte realisierte. Außerdem studierte er von 2002 bis 2003 freie Malerei bei Adam Jankowski an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main, wobei er sich in seinem künstlerischen Schaffen, aus gestalterischen Überlegungen heraus, letztendlich doch für das Medium der digitalen Fotografie entschieden hat. So entstanden mehrere fotografische Zyklen abstrahierter Landschafts-Stücke, sowie seine spannenden Fotoserien zur Verortung des Ich im sozialen Kontext, wie: »Innenleben«, »end of story«, »room«, »wer führt? wer folgt?«.

Für seine jetzige Präsentation im Frankfurter Ausstellungsraum EULENGASSE hat der Künstler drei in ihrem Abstraktionsgrad sich steigernde Themenkomplexe ausgewählt: »wer führt? wer folgt?«, »dubito, ergo sum« und »hypóstasis«. Primär geht es dabei um Menschen, die aber von der Gestaltpsychologie grundlegend als offene Systeme betrachtet werden, im aktiven Umgang mit ihrer Umwelt. Daher ist jede der Kompositionen als Ganzes qualitativ etwas anders als die einfache Summe ihrer Bildelemente.

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Andreas Langen spricht angesichts des 2014 entstandenen Zyklus von Jo Albert »wer führt? wer folgt?« von »absurden Tableaux bureaucratiques«, in denen sich die »Office-Laokoons«, diese »gepflegten Protagonisten des Dienstleistungszeitalters an sisyphusartigen Konstellationen abarbeiten«. (Langen, Andreas. Jo Albert. Eine Einführung zu »wer führt? wer folgt?«, Juli 2015.) Dabei lässt Jo Albert die alltäglichen Akteure spontane Haltungen einnehmen, aus denen er die für seine Bildaussage stimmigsten auswählt. Verschachtelungen und Überlappungen im Bild erzeugt er in der digitalen Kamera durch Doppelbelichtung, wodurch in der Aufnahme wahre Labyrinthe entstehen. Dennoch bleibt er hier mit seinen Inszenierungen der Zwänge und Neurosen des heutigen vernetzten „Homo Bluetooth“, wie Andreas Langen diese Akteure nennt, ganz dicht an der Realität, wenn sie auch äußerst surreal erscheinen mag. Denn die Interaktion von Individuum und Situation im Sinne eines dynamischen Feldes bestimmt Erleben und Verhalten des Menschen und nicht allein Triebe oder außen liegende Kräfte oder feststehende Persönlichkeitseigenschaften.

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Einen höheren Abstraktionsgrad vermittelt Jo Alberts Quadriptychon »dubito, ergo sum« von 2015, als Verschnitt und Antiportrait, dessen Titel uns an folgenden Ausspruch René Descartes‘ erinnert: »Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.« Es zeigt ein fragmentarisch und unvollständig zusammengesetztes Subjekt, das sich, noch als Businessman identifizierbar, sprichwörtlich die schwarze Tarndecke übern Kopf zieht und seine Erscheinung wegrationalisiert, sich einfach entzieht, als ob es an der Wahrhaftigkeit nicht nur seines Selbstbildes, sondern auch seines Ichs zweifeln würde. Weit entfernt ist daher für Jo Albert der von Descartes aus leidenschaftlichem Streben nach klarer Erkenntnis proklamierte Grundsatz: »dubito, ergo cogito, ergo sum« (»ich zweifle, also denke ich, also bin ich«), der unbezweifelbare Urteile möglich machte, und geblieben ist bloß das Zweifeln an der Existenz der Erscheinung und daran dass, diese überhaupt die Wahrheit des Seins sei, wie das Friedrich Hegel postuliert hatte.

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Bei der Realisierung seines 2015 entstandenen fotografischen Werks entwickelt Jo Albert einen mythischen Gesamtplan, wobei er einer analytischen Grundkonzeption folgt. So setzten sich vielfache Seins-Stufen einer schwarz verhüllten Gestalt in einer wandfüllenden Collage wie im Theater griechischer Antike dramatisch in Szene und fügen sich als verdichtete Hypostasen eines einzigen Wesens zu einem Psychogramm der habituellen Erscheinungsformen des Ichs.

Seine surreale »hypóstasis« ist von seltener Originalität und berührt uns unmittelbar auf der Ebene der Intuition, der Wahrnehmung, weil das Bild eigenständig existiert und uns seine eigene Sprache aufzwingt. Sie vermittelt Jo Alberts totale Verweigerung gegen die integrale Sichtbarkeit, als »Zeichen unserer äußersten Transparenz und unserer absoluten Obszönität«, von der Jean Baudrillard spricht, »bei der alles gezeigt wird, und bei der man merkt, dass es nichts mehr zu sehen gibt. Sich zum Bild machen bedeutet, den gesamten Alltag zur Schau stellen, alle Missgeschicke, alle Wünsche, alle Fähigkeiten – es bedeutet, nichts geheim zu halten, sich pausenlos auszudrücken, zu sprechen, zu kommunizieren.« (Baudrillard, Jean. The violence of the Image. (Die Gewalt am Bild.) A paper Jean Baudrillard was originally commissioned to present at the International Symposium attached to media_city, Seoul’s 2002 Biennial.) Dieser Selbstausdruck ist eine Form von Gewalt, die dem Einzelnen angetan wird, und zugleich dem Bild in seiner Einzigartigkeit. In einer Zeit in der Zeichen und Realität ununterscheidbar werden, sieht Bernhard Taureck Baudrillard als »Denker der dingliche Andersheit gegenüber dem im modernen Realitätsverlust endenden Subjekt« (Taureck, Bernhard. Französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Analysen, Texte, Kommentare. Reinbek bei Hamburg: Rowohlts Enzyklopädie 1988, S.124-125). Seine Alternative lautet: statt Subjekt Objekt, statt Begierde Verführung. Und weil Jo Albert mit Baudrillard die gemeinsame Suche nach Subjekt/Subjektlosigkeit verbindet, offenbart die inszenierte Fotografie und Collage »hypóstasis« eine desubjektivierte Welt als verführerisches Weltspiel.

Die aktive Inszenierung eines total verhüllten Subjekts in Gestalt eines vielfach in theatralischen Gesten mit sich selbst interagierenden Akteurs zu geheimnisvoll animierten Gewandstatuen, die beim Betrachter gewünschte Emotionen hervorzurufen vermögen, zeigt die Stilisierung dieser Bildelemente zu einem Kunstprodukt. Dessen Zeichen simulieren eine künstliche Realität als Hyperrealität, anstatt eine wirkliche Welt abzubilden. Dabei erscheint uns die Anordnung der Gestalten im Bild als paraphrasierendes Zitat der Schule von Athen von Raffael. Während die gänzliche Verhüllung der Figur Aby Warburgs Pathosformel teilweise negiert – d.h. jenen kunsthistorischen Begriff für die universelle Darstellung formelhafter Gestik und Mimik des Gefühlsausdrucks in der Kunst seit der Antike.

Jo Albert bedient sich beim digitalen Fotografieren nicht nur aufwändiger wiederholter Inszenierung der Figur, der Holzsockel und des malerischen Landschaftshintergrundes, sondern auch raffinierter Überlagerungen und Überlappungen derselben, die fast alle in der Kamera entstanden sind, mit teils abgedeckter oder nicht abgedeckter Blende, wobei er nur selten zur Nachbearbeitung mit digitaler Fotomontage, hingegen umso lieber zur Collage aus ausgeschnittenen oder ausgerissenen Bildfiguren greift, die auf die schon bestehende fotografische Komposition appliziert werden und ihr durch diese vielfache Schichtung zusätzliche räumliche Tiefe verleihen.

Auf der Suche nach den expressivsten Motiven lässt Jo Albert sein Tänzer-Modell dramatisch-pathetische Stellungen annehmen, wodurch Leben in dieselbe gebracht wird, so dass die schwarzen, violett-grün schimmernden Gewänder mit deren barocken Faltenwurf Form und Bewegung des Körpers erkennen lassen. Nannte doch Johann Winckelmann das Gewand treffend das »Echo des Körpers«. Ohne, dass dies die Absicht des Künstlers wäre, mag manchen die Arbeit »hypóstasis« auch an die Abstimmung von 2013 über das »Ja zum Burka-Verbot im Kanton Tessin« und das Schweizer Verhüllungsverbot erinnern, das sich zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit in der Schweiz sowohl gegen gewaltbereite Demonstranten als auch gegen religiös-fundamentalistische Verhüllungsgebote richtete. Es besagt: Niemand soll sein Gesicht im öffentlichen Raum oder an allgemein zugänglichen Orten verhüllen oder verbergen. Außerdem soll niemand eine Person zwingen dürfen, ihr Gesicht aufgrund ihres Geschlechts zu verhüllen.

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Jo Alberts schwarzen Figuren sind aber nicht nur Gewand- sondern auch Sockelskulpturen. Die Sockel aus Holzplatten bereiten den Figuren eine Basis, trennen sie vom Boden und setzen sie sowohl zur Umgebung als auch zum Betrachter in Relation, vermitteln also zwischen dem Raum der Repräsentation und dem Realraum. Die Sockel in der »hypóstasis« schaffen Distanz, zeigen eine Präsentationssituation an und stoßen die ästhetische Rezeption der zur Schau Gestellten an. Zugleich könnte dieses Sockelplattenfeld auch ein Grabplattenfeld sein, aus dem die schwarzen Gestalten wie Geister auferstehen. Oder folgen sie nur dem Lauf der Geschichte, wie jene Figuren, die über die Jahrhunderte auf Sockel gehoben und wieder von Sockeln gestürzt wurden? Dann haben diese Sockel eher die rhetorische Funktion, eben jenen Diskurs um die Verhältnismäßigkeit von Kunst, um ihre historische, institutionelle und rezeptive Verortung, wachzurufen.

In diesem Sinne überlassen wir sie ihrer Wahrnehmung und ihrer Freude an intensiven Gesprächen in dieser Ausstellung von Jo Albert.